VENEDIG: Stadt in der Lagune (I, Venetien)

LA MIA PRINCIPESSA Die geheimnisvolle Stadt beflügelt die Fantasie.

An der Station San Marco (Markusplatz/Dogenpalast) springen wir hinaus und verlassen den schwimmenden Linienbus. Der Marktplatz ist ein guter Startpunkt für unsere Tour durch diese faszinierende Stadt, die so viele Geschichten zu erzählen weiß. Wie die Folgende. Von Jean Secré

Mit einem dumpfen Geräusch ließ Michele den Schemel zu Boden gleiten, direkt neben dem Kanal. Die Wärme und das leuchtende Rot des Sonnenuntergangs lullten den alten Mann ein. Seine Augenlider begannen zu flimmern und er fiel in einen dämmrigen Halbschlaf. In Gedanken glitt er zurück in eine andere Zeit. Sah seine Frau Ella, wie sie an jenem schönen Julimorgen Ende der 1950er Jahre zum allerersten Mal den Boden seiner Stadt betrat.

Die Sonne strahlte vom azurblauen Himmel und der salzige Geruch des Meeres durchdrang die Luft. Mit ihrem Reiseziel Venedig hatte sich Ella einen Traum erfüllt. Jene berühmte Stadt im Nordosten Italiens, deren Klang Sehnsüchte weckte und die sich über viele kleine Inseln erstreckt. Die Stadt der Internationalen Filmfestspiele und des historischen Karneval mit den berühmten Masken. Acht Tage lang wollte sie jetzt die Stadt an der Lagune, die Stadt der tausend Brücken, erkunden.

Ella strich nervös eine schwarze Haarsträhne zurück. Schon vor bald zwei Stunden war die junge Frau erschöpft von der weiten Reise am Bahnhof Venezia Santa Lucia angekommen, war dort in ein Vaporetto der Linie 1 gestiegen und über Ferrovia den Canal Grande hinaufgefahren. Ihr Ziel war die Haltestelle Rialto. Dort irgendwo lag ihr Hotel.

Ella war müde, ihre Füße schmerzten. Gleichwohl war die junge Deutsche fasziniert, von dem, was sie sah. Das Boot bahnte sich seinen Weg vorbei an pastellfarbenen, ausgewitterten Fassaden faszinierender Palazzi, vor denen an mal geraden und mal schiefen, blauen, weißen, rot-weiß- oder blau-weiß-gestreiften Pfählen Boote vertäut lagen. Links und rechts zweigten kleinere Wasserstraßen vom breiten Kanal ab. Weiße und braune Motorboote kreuzten ihren Weg und schwarz glänzende Gondeln, leer oder mit Menschen auf samtroten Sitzkissen besetzt. Mit langen Stöcken bewegten Gondoliere ihre Boote über die glitzernde Wasseroberfläche und kreuzten dabei oft waghalsig den Fahrweg des deutlich größeren Vaporetto.

Immer wieder wechselte das Bild. Ein Turm aus braunem Stein wurde von einer weißen Kuppel abgelöst und die wieder von einer Fassade mit orientalisch anmutenden Fensteröffnungen, an denen kleine Balkone dazu einluden, von ihnen aus Ausschau auf den vorbeifließenden Kanal zu halten. Von einigen der Balkone wehten italienische Flaggen. Andere Häuser sahen aus, wie griechische Tempel, mit Säulen und Figuren. Vielleicht aus Marmor, dachte sich Ella und staunte.

BEKANNTER BOGEN Die Rialtobrücke überspannt den Canal Grande in einem einzigen Bogen.

Bald schon kam die große, weiße Rialtobrücke in Sicht. In einem einzigen, prächtigen Rundbogen überspannte sie den Kanal. Ella entdeckte darin eingearbeitete Reliefs, als ihr Boot darunter hindurch fuhr.

»Rialto«, las die Deutsche laut an der Anlegestelle, die das Boot jetzt ansteuerte und begann in ihrer Jackentasche herumzukramen. Da war sie, die Adresse des kleinen Hotels, das für die nächsten sieben Nächte ihr zuhause werden sollte. Es lag im Stadtteil Cannaregio.

Am Ufer nahe der Rialtobrücke herrschte buntes Treiben. Menschen eilten vorüber, andere standen in Gruppen und palaverten oder saßen in den kleinen Restaurants dort. Ella war noch immer nervös, biss sich auf die Unterlippe, dachte kurz nach und lief los. Der übereilte Aufbruch von der Haltestelle war ein Fehler, den Ella schnell bereute. Zwanzig Minuten später irrte die junge Touristin durch die Gassen. Passierte kleine Brücken und drehte in Sackgassen - oder wenn der Weg so schmal wurde, dass sie Angst bekam - wieder um und lief zurück.

Der Koffer zog immer schwerer an ihrem Handgelenk und von ihrem Hotel war weit und breit nichts zu sehen. Ella hatte sich in Venedigs historischem Stadtzentrum im Gewirr der schmalen Straßen und Gassen hoffnungslos verlaufen. Kurz dachte sie darüber nach, jemanden unter den Einheimischen zu fragen, verwarf den Gedanken aber schnell wieder. Fand ihr Italienisch nicht gut genug, gerade ausreichend, um ins Hotel einzuchecken und einen Kaffee zu bestellen.

HOCH HINAUS Der Markusturm ist das höchste Gebäude der Stadt. Unten breitet sich Venedig aus.

KOMPOSITION IN BLAU Venedig: Erbaut auf mehr als 100 kleinen Inseln, eingebettet in einer
Adria-Lagune.

Zeit verstrich und die Füße schmerzten immer noch. Just in dem Moment, als sich am Himmel dunkle Gewitterwolken zusammenzogen, Ella besorgt hinaufschaute und die Verzweiflung begann die Urlaubsfreude einzutrüben, traf sie auf Michele Mura. Michele war auf dem Weg zur Arbeit, hatte kurz angehalten, um eine Zeitung zu kaufen, und eine Packung Zigaretten. Beinahe wäre er mit der jungen Frau zusammengestoßen, die ihn aus wasserblauen Augen nervös ansah.

Jean Secré

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Auszug aus hochblau Magazin 1/2019 vom 19. September 2019 - Seiten 48 bis 53

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hochblau Magazin 2019 © hochblau

JEAN SECRÉ
Schriftsteller (Belletristik/Romane), exklusiv ab Januar 2020 im hochblau Verlag.
Mehr Infos über unsere Neuerscheinungen findest Du auf unserer Verlagsseite.
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Bilder Venedig und Jean Secré Kurzgeschichte "La Mia Principessa" (1 MB)

ABBILDUNGEN
Text "La mia Principessa": © Jean Secré
Exklusiver Auszug aus der Romanreihe "Verborgene Zeit" für Leser des hochblau Magazins
Titelbild Venedig Abendstimmung: © Hans-Jörg Ernst
Weitere Bilder im Text: © Hans-Jörg Ernst


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